Lesen war nie neutral
Lesen war schon immer körperlich. Augen bewegen sich, Muskeln arbeiten, Aufmerksamkeit lässt nach. Früh erkannte man, dass eng gesetzter Text schneller ermüdet, auch wenn er Platz spart.
Der Wunsch nach Ordnung kollidierte früh mit der Realität des Lesens.
Vom Bleisatz zur Gewohnheit
Im Handsatz wurde der Zeilenabstand über Stege und Durchschuss geregelt. Mehr Abstand bedeutete mehr Material und höhere Kosten. Zu wenig Abstand bedeutete Beschwerden.
Der praktikable Mittelweg setzte sich durch und wurde zur Regel.
Warum Luft hilft
Zwischen Zeilen entsteht Orientierung. Das Auge findet leichter zur nächsten Zeile, der Textfluss bleibt stabil. Was banal klingt, ist entscheidend für längere Texte.
Zeilenabstand ist damit ein Werkzeug der Leseführung.
Digitale Missverständnisse
Im Web wurde lange gespart. Platz war wertvoll, Bildschirme klein. Texte rückten zusammen, Lesbarkeit verlor.
Erst mit größerer Bildschirmvielfalt kehrte die Einsicht zurück: Mehr Luft liest sich besser.
Keine feste Zahl, aber klare Wirkung
Es gibt keinen universellen Idealwert. Schriftart, Zeilenlänge und Medium verändern den Bedarf. Dennoch bleibt die Wirkung konstant.
Zu enger Satz wirkt anstrengend. Zu weiter Satz verliert Zusammenhang.
Warum Erfahrung zählt
Zeilenabstand lässt sich berechnen, aber nicht vollständig normieren. Erfahrung ersetzt keine Formel, sie ergänzt sie.
Gute Typografie erkennt man oft daran, dass man sie nicht bemerkt. Man liest einfach weiter.

