Lesefluss als Maßstab
Typografische Fehler fallen selten sofort auf. Und doch wirken sie. Sie unterbrechen den Lesefluss, erzeugen Unruhe oder lassen Texte unfertig erscheinen. Gute Typografie arbeitet leise. Sie trägt den Inhalt, ohne sich in den Vordergrund zu schieben.
Schusterjunge und Hurenkind
Ein Schusterjunge bezeichnet eine einzelne Zeile am Anfang eines Absatzes, die am unteren Rand einer Seite oder Spalte steht, während der restliche Absatz auf der nächsten Seite folgt. Der inhaltliche Zusammenhang wird gestört.
Ein Hurenkind ist das Gegenstück. Eine einzelne Zeile eines Absatzes steht isoliert am oberen Rand einer neuen Seite oder Spalte. Auch hier reißt der Zusammenhang ab. Der Text wirkt auseinandergezogen.
Beide Erscheinungen gelten im professionellen Satz als vermeidbar. Nicht aus formalen Gründen, sondern weil sie der Lesbarkeit und der inneren Ordnung eines Textes widersprechen.
Zwiebelfische und stille Störer
Ein Zwiebelfisch ist ein einzelnes Zeichen oder Wort, das versehentlich in einer anderen Schriftart oder einem anderen Schriftschnitt erscheint. Häufig entsteht er durch Kopieren aus fremden Quellen. Er fällt nicht sofort auf, stört aber das Gesamtbild.
Gerade in längeren Texten oder sorgfältig gestalteten Publikationen wirken solche Details unruhig und unprofessionell.
Laufweite und Unterschneidung
Laufweite und Kerning betreffen die Abstände zwischen Buchstaben. Die Laufweite wirkt über ganze Textabschnitte, Kerning greift gezielt bei einzelnen Buchstabenpaaren ein. Richtig eingesetzt verbessern sie die Lesbarkeit. Falsch eingesetzt erzeugen sie Unruhe.
Auch hier geht es nicht um Effekte, sondern um Maß und Zurückhaltung.
Leerzeichen, Ligaturen und Ziffern
Leerzeichen unterscheiden sich in Funktion und Breite. Geviert und Halbgeviert erfüllen unterschiedliche Aufgaben im Satz. Richtig eingesetzt bleiben sie unsichtbar und sorgen dennoch für Ordnung.
Ligaturen verbinden bestimmte Buchstaben zu einer Einheit und verbessern den Lesefluss, besonders in Serifenschriften. Versalziffern und Mediävalziffern beeinflussen, ob Zahlen streng oder harmonisch wirken.
Typografie als Haltung
Typografie ist mehr als die Wahl einer Schrift. Sie ist eine Haltung zum Text. Sie entscheidet darüber, ob Inhalte ernst genommen werden oder beiläufig wirken.
Wer typografische Feinheiten beachtet, arbeitet nicht pedantisch, sondern verantwortungsvoll. Denn jedes Detail beeinflusst, ob ein Text gelesen werden will oder nicht.

