Bevor Typografie digital wurde
Typografie begann nicht mit Software, sondern mit Metall, Holz und Druckerschwärze. Buchstaben waren Objekte, keine Dateien. Jede Entscheidung hatte unmittelbare physische Folgen.
Zeilenabstände, Wortabstände und Spaltenbreiten entstanden nicht aus Geschmack, sondern aus Lesbarkeit und Produktionslogik.
Der Satz als handwerklicher Prozess
Im Bleisatz bedeutete jede zusätzliche Zeile mehr Material, mehr Gewicht und mehr Arbeit. Zu enge Abstände führten zu verschmierter Farbe, zu weite zu instabilem Satz.
Viele heute gültige Regeln sind schlicht optimierte Lösungen aus dieser Zeit.
Warum der Zeilenabstand lernte, großzügig zu sein
Frühe Drucke waren oft dicht gesetzt. Mit wachsender Textmenge und kleiner werdenden Schriften zeigte sich schnell: Lesen ermüdet.
Der größere Zeilenabstand war keine ästhetische Mode, sondern eine ergonomische Erkenntnis.
Spalten, Ränder und das Auge
Auch Seitenränder sind kein Dekor. Sie entstanden aus dem Bedürfnis nach Halt, Orientierung und Raum für das Auge.
Zu breite Textflächen erschweren das Zurückfinden der nächsten Zeile. Zu schmale wirken unruhig. Das Gleichgewicht dazwischen ist gelernt, nicht erfunden.
Was davon heute noch gilt
Digitale Medien haben Werkzeuge verändert, nicht das Lesen selbst. Das menschliche Auge arbeitet wie vor Jahrhunderten.
Wer Typografie nur als Stilfrage betrachtet, übersieht ihren Ursprung. Gute Typografie ist kein Look. Sie ist angewandte Erfahrung.
Ein persönlicher Blick
Mich beruhigt dieser Gedanke. Er relativiert Trends und Moden. Wenn etwas gut lesbar ist, hat es fast immer einen historischen Grund.
Typografie ist damit weniger Geschmackssache als oft behauptet. Sie ist ein leiser Vertrag zwischen Text und Leser.

