Serife ist nicht gleich Serife
Wer von Serifenschriften spricht, meint oft ein einziges Prinzip. Tatsächlich existieren sehr unterschiedliche Formen von Serifen, die jeweils aus eigenen historischen und technischen Kontexten stammen.
Diese Unterschiede wirken subtil, haben aber deutliche Auswirkungen auf Rhythmus und Anmutung eines Textes.
Renaissance-Antiqua: Lesen aus der Hand geschrieben
Frühe Antiqua-Schriften orientierten sich stark an der humanistischen Handschrift. Die Serifen sind weich, leicht geneigt und wirken organisch.
Diese Schriften lesen sich ruhig und fließend, besonders in längeren Texten.
Barock- und Klassizistische Antiqua: Kontrast und Ordnung
Mit dem Barock stieg der Strichstärkenkontrast. Serifen wurden feiner, senkrechter, kontrollierter.
Der Text wirkt dadurch strukturierter, manchmal auch formeller.
Egyptienne: Serifen als Standfläche
Egyptienne-Schriften besitzen kräftige, rechteckige Serifen. Sie entstanden im Zuge der Industrialisierung.
Ihre Wirkung ist stabil, sachlich, manchmal schwer. Ideal für Überschriften, weniger für lange Fließtexte.
Slab Serif im digitalen Raum
Moderne Slab-Serifs werden heute bewusst eingesetzt, um Klarheit mit Gewicht zu verbinden.
Sie funktionieren gut auf Bildschirmen, weil ihre kräftigen Formen auch bei niedriger Auflösung stabil bleiben.
Serifen als Stimmungsträger
Serifen beeinflussen nicht nur Lesbarkeit, sondern auch Ton und Haltung eines Textes.
Ob ruhig, technisch, klassisch oder robust entscheidet sich oft an diesen kleinen Formen.
Persönliche Beobachtung
Ich wähle Serifenschriften nicht nach Mode, sondern nach Textcharakter.
Manche Inhalte verlangen nach Zurückhaltung, andere nach Struktur. Die Serife verrät oft, welche gemeint ist.

